Schulprogramm
100 Jahre Heinrich Böll

Heinrich-Böll-Schule Fürth

Wir geben Zeit zur individuellen Entwicklung!

Schulprogramm


1. Selbstverständnis der Heinrich-Böll-Schule


1.1 Zur Geschichte des Schulprogramms


Anfang 1998 nahm die Gesamtkonferenz im Rahmen einer Pädagogischen Gesamtkonferenz eine Bestandsaufnahme der sozialen Situation an der Schule vor. Die Ergebnisse mündeten in die Bildung von Arbeitsgruppen zum Thema Schulverfassung ein. In dem folgenden Pädagogischen Tag im Juni 1999, zu dem Eltern und Schüler geladen waren, wurden die ersten Ergebnisse der Arbeitsgruppe vorgestellt und in einem zweiten Teil eine interne Evaluation zur Ermittlung von Stärken und Schwächen der HBS vorgenommen. Parallel zu der Diskussion über die Ergebnisse richteten Eltern und Schüler eigene Arbeitsgruppen ein, deren Ergebnisse sowohl in die Beratung über die Schulverfassung als auch des Schulprogramms einflossen. Die Schulverfassung wurde nach Beschlussfassung in allen Gremien am 27.01.1999 von der Schulkonferenz verabschiedet und mit Wirkung vom 01.03.1999 in Kraft gesetzt. Diese wertorientierte Schulverfassung bindet durch schriftliche Kenntnisnahme Schüler, Eltern, Kollegium und Schulleitung. Gleichzeitig stellt sie einen wesentlichen Baustein des Schulprogramms der HBS dar. Nachfolgend wurden folgende Arbeitsgruppen unter Beteiligung von Lehrern und Schülern gebildet: Umsetzung der Schulverfassung, Reform des Stundenplans, Kursprofile/Leistungsniveau, besondere Unterrichtsvorhaben/Förderprogramme, Zukunftstechniken und Mediation/soziales Training. Der folgende Pädagogische Tag am 07.02.2000 beschäftigte sich mit den Gruppenergebnissen und der redaktionellen Rohfassung des Schulprogramms. Die Steuergruppe, die sich in der 1. Phase aus den Gruppensprechern unter der Leitung von Oberstudienrat Bauer zusammensetzte, erfuhr eine Öffnung in Richtung Beteiligung weiterer interessierter Kolleginnen und Kollegen, Eltern und Schüler. Diese neu zusammengesetzte Steuergruppe tagte am 26.09.2000 unter der Moderation von Herrn POR Hoffmann (SSA) und bereitete den nächsten Pädagogischen Tag am 25.10.2000 vor. Nach einer weiteren Pädagogischen Konferenz am 05.12.2000, die die Rohfassung des Schulprogramms diskutierte, wurde diese in der Gesamtkonferenz am 15.05.2001 verabschiedet. Eltern- und Schülervertretung stimmten in getrennten Sitzungen ebenso zu wie die Schulkonferenz am 19.06.2001. Für die vorliegende Fassung des Schulprogramms zeichnen folgende Mitglieder der Steuergruppe verantwortlich: Frau Kerstin Schmidt, Frau Angelika Wandt, Frau Claudia Ziegeldecker, Frau Doris Kuhnholz (Elternbeiratsvorsitzende), Frau Edith Schebek (Elternbeirätin), Barbara Müller (Schülervertretung), Herr Christian Eckes, Herr Matthias Brandau, Herr Peter Bauer (Koordinator), Herr Wolfgang Pieper (Schulleiter).



1.2 Präambel


Die Heinrich-Böll-Schule ist ein besonderer Lebensraum. In ihm erfahren die Schüler die zentralen Merkmale unserer Gesellschaft – diejenigen, die sie hat, und diejenigen, die sie haben will.


Deshalb schützt unsere Schulgemeinde – Eltern, Schüler, Lehrer, Sekretärin und Hausmeister – die Freiheit der Person, sie bejaht die Vielfalt der Meinungen, der Lebensziele und Lebensformen – sie ist pluralistisch und achtet die Würde des Einzelnen.


Sie ist darüber hinaus ein Erfahrungsraum, in dem wichtige Kenntnisse vermittelt, Erkenntnisse erworben, Fähigkeiten entwickelt, gefördert, geübt und Vorstellungen geordnet werden. Dadurch werden Schüler auf das Leben vorbereitet.


Die Heinrich-Böll-Schule ist eine Gemeinschaft, die die Bedingungen eines friedlichen, gerechten, geregelten und verantworteten Zusammenlebens vermittelt. Dafür setzt sich die gesamte Schulgemeinde ein.


Die Heinrich-Böll-Schule hat in eigener Verantwortung aus fachlichen und übergreifenden Fragestellungen heraus in kooperativer Mitwirkung aller am Schulleben Beteiligten dieses Schulprogramm erstellt, das Inhalte und Organisationsformen des Unterrichts und des Schullebens für einen mittelfristigen Zeitraum beschreibt. Sie möchte damit die spezifischen Aufgabenstellungen und Gestaltungsspielräume dieser Schule als integrierter Gesamtschule in der Region Vorderer Odenwald/Überwald offen legen, wünschenswerte zukünftige Entwicklungslinien aufzeigen und einer internen wie externen Diskussion und Evaluation zugänglich machen. Gleichzeitig dient dieses Schulprogramm als Information für alle an der Heinrich-Böll-Schule Interessierten.



1.3 Leitbild der Heinrich-Böll-Schule


Die Schulgemeinde der Heinrich-Böll-Schule bekennt sich zu den grundlegenden Menschen- und Bürgerrechten, die das Grundgesetz und die Menschenrechtskonvention der Vereinten Nationen als Anspruch formulieren.


Unter dem Begriff Erziehung verstehen wir weniger die Vermittlung von Inhalten als vielmehr die Norm- und Wertsetzungen im Rahmen der Schule. Dabei ist sich die Schulgemeinde einig, dass eine Schulverfassung wie jede demokratische Verfassung ideale Leitbilder formuliert. Aufgabe aller am Schulleben Beteiligten wird es deshalb sein, in allen Entscheidungen und im persönlichen Verhalten eine Annäherung an die formulierten hohen Ziele zu versuchen. Die Elemente des Leitbildes der Heinrich-Böll-Schule sind nicht in erster Linie als einklagbare individuelle Rechte zu verstehen, sondern als Pflicht eines Jeden, seinen Mitmenschen diese Rechte einzuräumen und sie zu verteidigen.


Die Heinrich-Böll-Schule will ein zentraler Ort sein, an dem Werte als Maßstab des Zusammenlebens Geltung erhalten.


Deshalb verpflichten wir uns...


  • die Würde des Menschen als unverletzlich zu betrachten. Denn jeder ist einmalig, unersetzlich und unverzichtbar und muss deswegen menschlich behandelt werden. Das heißt, dass wir allen Achtung und Anerkennung entgegenbringen und alles unterlassen, was jemanden kränkt, beleidigt oder ihm schadet.
  • Toleranz zu üben. Das heißt, dass wir unsere Mitmenschen achten und in ihrer Andersartigkeit annehmen.


Das bedeutet, dass wir die Ansichten und Interessen anderer anhören und uns bemühen, sie zu verstehen. Wir wollen auch auf die Gefühle anderer Rücksicht nehmen.


Wir setzen uns dafür ein, dass alle, die zu unserer Gemeinschaft gehören, die Menschenrechte und die daraus entstehenden Pflichten beachten.


Intolerantes Verhalten sowie abwertende Äußerungen und Handlungen dulden wir nicht.


Konflikte lösen wir gewaltfrei.


  • aufeinander Rücksicht zu nehmen und voreinander Respekt zu haben.


Das bedeutet, dass wir höflich miteinander umgehen und niemanden beleidigen oder in seiner Arbeit behindern. Das erleichtert unser Zusammenleben. Denn nur in einer friedlichen und freundlichen Umgebung können wir uns wohl fühlen und angemessen lernen, lehren und erziehen.


  • zur Gerechtigkeit. Der Sinn für Gerechtigkeit und Fairness wird in unserer Schule gefördert. Alle - Schüler, Lehrer und Eltern - arbeiten daran. Wir versichern, dass wir uns bemühen in der Sache und zur Person gerecht zu sein. Wir schützen uns und andere vor Ungerechtigkeit.


  • zur Gewaltlosigkeit. Jeder hat das Recht auf körperliche und seelische Unversehrtheit im Umgang miteinander.


Konflikte werden auf friedlichem Wege gelöst.


Wir verpflichten uns, beginnende Konflikte aufmerksam zu beobachten, schlichtend einzugreifen, um gemeinsam eine angemessene und gerechte Lösung zu finden.


  • zur Partnerschaft. Darunter verstehen wir eine vertrauensvolle Zusammenarbeit an gemeinsamen Aufgaben und Zielen. Wir sind bereit voneinander zu lernen. Das bedeutet, dass wir uns gegenseitig helfen, wenn es nötig und erwünscht ist. Im Team können wir oft bessere Lösungen erzielen.


  • zur fairen Kommunikation. Sie erfordert die Bereitschaft zum Informationsaustausch, Einfühlungsvermögen, genaues Zuhören, ehrlichen und offenen Umgang miteinander und vermeidet eine gewalttätige, den einzelnen beleidigende und verletzende Sprache.


Jeder hat das Recht, seine eigenen Überzeugungen und Interessen in angemessener Form darzulegen.


Jeder hat die Pflicht, sich berechtigter Kritik, die in angemessener Form vorgebracht wird, zu stellen.


  • zur Ehrlichkeit. Darunter verstehen wir, dass sich alle Gruppierungen der Schulgemeinde der Wahrheit verpflichten, das heißt, dass wir nach bestem Wissen und Gewissen handeln. Damit ermöglichen wir eine gegenseitige Vertrauensbasis.


  • Verantwortung zu tragen. Jeder übernimmt sie für sich selbst und seine Mitmenschen. Wir respektieren privates und öffentliches Eigentum und behandeln es pfleglich.


  • zu umweltbewusstem und umweltgerechten Handeln. Dies erfordert einen sorgsamen und verantwortungsvollen Umgang mit der Natur.

Zur Sicherung einer gesunden Umwelt als Grundlage unseres Lebens und des Lebens zukünftiger Generationen setzen wir uns aktiv ein.


  • Leistung zu erbringen und zu achten. Dazu gehören Ausdauer und Anstrengungsbereitschaft.


Für Lehrer und Eltern bedeutet dies u. a. auch, die Heranwachsenden so weit zu fördern, dass sie in der Welt bestehen, auf ihre Weise mitgestaltend einwirken, ihre eigene Persönlichkeit entfalten und ihre Fertigkeiten und Fähigkeiten entwickeln können.


Die Schüler sollen nicht nur ihr Wissen und Können mehren, sondern ihr Lernen zunehmend selbst bestimmen und zu einer fordernden Lernhaltung finden.


  • zur Einhaltung einer sinnvollen Ordnung, die nicht nur unsere eigene Arbeit, sondern auch das tägliche Zusammenleben begünstigt. Ordnung verlangt Regeln, an die sich Schüler, Lehrer und Eltern halten. Sie erfordert ein hohes Maß an Selbstdisziplin.



1.4 Kinder und Jugendliche in einer sich verändernden Gesellschaft


Der pädagogische Prozess an den öffentlichen Schulen hat in den letzten Jahrzehnten entscheidende Veränderungen erfahren. Die Ausgangsbedingungen, unter denen Lernen organisiert und durchgeführt wird, sind mit Sicherheit häufig erschwert. Tatsachen wie große Klassen, erhöhte Unterrichtsverpflichtung und Mängel bei der Ausstattung von Arbeitsplätzen sind unumstritten.


Die Erwartungen der Eltern an Schule haben sich verändert. So richten sich die öffentlichen Ansprüche an Pädagogen nur zu einem Teil an die Wissensvermittlung. 85 Prozent der Eltern erwarten auch sozialpädagogische und therapeutische Kompetenz und Erziehung in Bereichen, die vorrangig den Eltern zuzuordnen sind. Andererseits scheint die Schule allein verantwortlich für die Zukunftschancen der ihr anvertrauten Kinder und Jugendlichen. Daraus ergibt sich eine Diskrepanz zwischen elterlichen und schulischen Ansprüchen. Sie führen nicht selten im Zusammenhang mit einer Milieudiskrepanz zu Konflikten im Bereich der Wert- und Normstrukturen sowie der Verhaltensweisen. Häufig sind Selbstüberforderung und Depression Folgen dieses Spannungsverhältnisses.


Das Kollegium der Heinrich-Böll-Schule erkennt diese Widersprüche, ohne über die "neuen Kinder" zu klagen. Es besitzt einen reichen Erfahrungsschatz aus vieljähriger Beobachtung. Folgende Veränderungen, die einer schulischen Antwort bedürfen, werden hier festgehalten:


  • Eine intakte Kleinfamilie entspricht nicht mehr der Regel.
  • Gute Umgangsformen, Toleranz, Höflichkeit, Pünktlichkeit, Ordnung und die Schulung des sozialen Miteinanders sind nicht mehr uneingeschränkt als Ergebnis von häuslicher Erziehung zu erwarten. Ökologisches und politisches Engagement, das Streben nach sozialer Gerechtigkeit, Gesundheitsbewusstsein und kritisches Konsumverhalten sind nicht mehr selbstverständlich.
  • Immer mehr Kinder zeigen Probleme in der Rechtschreib- und Lesekompetenz. Die textliche Sinnerfassung ist immer schwieriger zu vermitteln. Der Umfang des Wortschatzes nimmt ab (restringierter Code).
  • Deutschland ist ein Zuwanderungsland. Zur Zeit besuchen 81 ausländische Schüler aus 17 Nationen die Heinrich-Böll-Schule. Dies entspricht prozentual etwa dem Bundesdurchschnitt. Der Anteil der Umsiedler aus Russland und Polen beträgt z. Z. 1,8 Prozent, das entspricht 16 Schülern. Hier hat die Heinrich-Böll-Schule erhebliche Integrationsarbeit zu leisten.
  • Wir beobachten zunehmend das Phänomen der "Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung". Dieses komplexe Krankheitsbild erschwert die Vermittlungstätigkeit und die Bemühungen um die Einlösung sozialer Lernziele.
  • Die Freizeitgestaltung von Kindern und Jugendlichen ist gravierenden Veränderungen unterworfen. Fernsehen und Beschäftigung mit dem PC im häuslichen Bereich verändern Sehgewohnheiten und Grundeinstellungen. Daraus ergeben sich durchaus positive Aspekte. Dennoch ist es offensichtlich, dass es Schülern immer schwerer fällt, Zusammenhänge zwischen den gesellschaftlichen Wirklichkeiten zu erkennen.
  • Wir beobachten bei unseren Kindern und Jugendlichen auch erhebliche Einschränkungen der körperlichen Beweglichkeit.
  • Nicht selten müssen Kinder und Jugendliche wegen Unwohlseins von den Erziehungsberechtigten abgeholt werden. Fehlendes Gesundheitsbewusstsein und falsche Ernährung fallen hierbei auf.
  • Nach den Eindrücken des Kollegiums wird es zunehmend schwieriger, schulische Leistungen einzufordern. Sanktionen für schlechte oder nicht erbrachte Leistungen - zum Beispiel über Benotung - verlieren anscheinend an Wertigkeit.