20190519
100 Jahre Heinrich Böll

Heinrich-Böll-Schule Fürth

Wir geben Zeit zur individuellen Entwicklung!

Nicht voreilig den Stab über Mitmenschen brechen

Erste Toleranztage für Siebtklässler der Heinrich-Böll-Schule / Viele offene Gespräche geführt

Wie schnell Menschen einen Stab über ihre Mitmenschen brechen, ist tagtäglich im Alltag erlebbar. Muslimische Mitbürger werden argwöhnisch beäugt und im Handumdrehen mit dem terroristischen Islamischen Staat in Verbindung gebracht. Dunkelhäutigen Personen unterstellen nicht wenige Zeitgenossen ohne mit der Wimper zu zucken Faulheit und Mitgliedern jüdischer Gemeinden werden mittelalterliche Vorurteile entgegengebracht. Toleranz ist nicht mehr sehr stark ausgeprägt – leider. Stattdessen dominieren zunehmend substanzlose populistische Parolen die öffentliche Diskussion. Die Heinrich-Böll-Schule initiierte deshalb erstmals „Toleranztage“ für die Schüler der siebten Klassen. Die Jugendlichen kamen mit den unterschiedlichsten Personen ins Gespräch und informierten sich über deren Lebenssituationen.

Der Schulleitung und dem Kollegium der Integrierten Gesamtschule ist es seit Jahren ein besonderes Anliegen, ihren Schülern humanitäre Werte zu vermitteln. Soziale Kompetenz ist an der HBS nicht etwa ein phrasenhaft verwendeter Begriff, sondern genießt im Schulalltag höchste Priorität. Der Schule ist es wichtig, dass die Schüler Werte wie Hilfsbereitschaft, Toleranz und Zivilcourage erlernen und anwenden, um zu einer harmonischen und freundlichen Atmosphäre im Lebensraum Schule beizutragen.

Schulpfarrerin Barbara Holzapfel-Hesselmann hat sich die Wertevermittlung auf ihre Fahnen geschrieben und ist unermüdlich bei der Umsetzung adäquater Projekte auf diesem Feld. Auf ihre Initiative hin wurden nun die ersten Toleranztage durchgeführt. Unterstützt wurde sie dabei maßgeblich von der Schulleitung und den Klassenlehrern. Ein Dank gilt auch dem hiesigen Lions-Club, der spontan die entstandenen Unkosten trug, sowie der evangelischen Kirchengemeinde, die ihre Räume kostenlos zur Verfügung stellte.   

Der Imam der islamisch-türkischen Gemeinde Fürth erläuterte den Schülern, aus welchen religiösen Gründen manche Muslima ein Kopftuch tragen. Ein Thema, das in regelmäßigen Abständen in den Medien für Schlagzeilen sorgt. Auf großes Interesse stieß bei den Siebtklässlern die Frage, was der Islam mit dem Islamischen Staat zu tun hat. Deutlich wurde aus den Ausführungen des Imam, dass der IS keineswegs die Ziele und Glaubensgrundsätze des Islam verfolge. In diesem Zusammenhang ging der geistliche Vertreter der islamisch-türkischen Gemeinde auf das Thema „Menschenwürde“ ein. Dass im Zusammenhang mit dem islamischen Glauben auch Begriffe wie „Ramadan“ und „Freitagsgebet“ fielen, liegt auf der Hand.

„Star“ einer weiteren Gesprächsrunde war ein Vierbeiner: Der schwarze Labrador Obi eroberte die Herzen der Schüler im Sturm. Von allen ließ sich der Hund streicheln, jedem schenkte er seine Aufmerksamkeit und Zuneigung. Doch der Labrador ist eigentlich kein Kuscheltier, sondern erfüllt eine wichtige Aufgabe: Er hilft einer blinden Frau im Alltag. Über die Probleme sehbehinderter Menschen und deren besondere Lebenssituation sprachen die zwei blinde Frauen Lydia Ehrhardt und Gertrud Petersen, die Gerhard Christ von der evangelischen Blindenseelsorge für das Projekt der HBS gewonnen hatte. Beeindruckt waren die Schüler von der Gelassenheit, mit der die beiden Frauen ihre Behinderung akzeptieren.

Rassismus stand im Mittelpunkt des Gesprächskreises, den Kitizo Ohiambo vom Verein „Gemeinsam für Afrika“ aus Berlin leitete. Er habe, so gestand Ohiambo freimütig ein, „furchtbare Sachen erlebt“. Es gebe, so der Referent, viele Formen des Rassismus. Mit den Schülern erarbeitete er Möglichkeiten, wie jeder auf rassistische Äußerungen oder Handlungen anderer reagieren kann. Auf jeden Fall ist Zivilcourage – ganz im Sinne des Namensgebers der Schule, Heinrich Böll, - nötig, um Rassisten entgegenzutreten. Klar wurde den Siebtklässlern auch, dass Menschen mit anderen Hautfarben mit Respekt zu behandeln sind und gleiche Rechte und Pflichten haben wie jeder andere Mitbürger.

Der jüdische Glaube stand im Vordergrund der Ausführungen von David Neumann, dem Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde in Darmstadt. Nicht wenige Schüler hatten die Vorstellung, dass es Juden nur in Israel gebe. Der Referent machte deutlich, dass Deutschland für viele Juden ihre Heimat sei. Er gewährte anhand von Beispielen den Siebtklässlern einen interessanten Einblick in die Bräuche und den Lebensalltag von Menschen jüdischen Glaubens. In jüdischen Haushalten stehen beispielsweise zwei Kühlschränke: zum einen für Milchprodukte und zum anderen für Fleischprodukte. Juden, so Neumann ausführend, dürften keine Döner essen, denn auf dem Fleisch befinde sich eine Joghurtsauce.

Dass ein Wertesystem in einem Einkaufsmarkt eine Rolle spielen kann, verdeutlichte Dominik Bylitza, Inhaber des gleichnamigen Edeka-Marktes in Fürth. Er stelle nur Mitarbeiter ein, die sich in Vereinen oder Gruppen ehrenamtlich engagierten. Sein Ansinnen ist es, dass möglichst viele Menschen unsere Gesellschaft mitgestalten, Verantwortung übernehmen und zu einem sozialen Miteinander beitragen. Mit einer „Ist-mir-egal-Mentalität“ kann –Dominik Bylitza nichts anfangen. Er hat sich zum Ziel gesetzt, junge Menschen in seinem Unternehmen auf das Leben – auch außerhalb  der Berufswelt – vorzubereiten.

„Die Toleranztage waren ein voller Erfolg. Die Schüler haben gelernt, wie wichtig es ist, mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen. Sie haben in den zwei Projekttagen ihren Horizont erheblich erweitert und wissen nun, wie wichtig Toleranz ist. Auf Grund der positiven Erfahrungen haben wir uns entschlossen, die Veranstaltung fest im Jahresplan der Schule zu installieren und sogar noch auszubauen“, bilanzierte ein rundum zufriedene Schulpfarrerin Barbara Holzapfel-Hesselmann.



 

Die beiden blinden Frauen Lydia Ehrhardt und Gertrud Petersen gaben den Schülern ausführlich Einblick in ihren Lebensalltag. Besonderes Interesse weckte Blindenhund Obi bei den Schülern der Heinrich-Böll-Schule. Begleitet wurden die blinden Frauen von Gerhard Christ (l.) von der evangelischen Blindenseelsorge.